/ Freefonts
Gestaltungsaffine, aber auch alle außerhalb dieser Bubble möchte ich dafür sensibilisieren, öfter mal zu freien Schriften aus dem Internet zu greifen, statt nur zu dem, was im Schriftmenü schon drinsteht. Gemeint sind sogenannte Freefonts, die relativ einfach auf dem Computer zu installieren sind und die es wert sind, Times New Roman, Comic Sans, Papyrus, Arial und Co. zu ersetzen. Diese Systemschriften liegen auf allen Rechnern griffbereit, sie kommen mit jeder Software, die wir installieren. Sie sind gar nicht individuell, und oft sind sie nur der Ersatz großer Vorbilder. Bestes Beispiel ist die Arial. Monotype hat sie 1982 ursprünglich für IBM-Laserdrucker so gezeichnet, dass jeder Buchstabe exakt so breit ist wie in der Helvetica. Ein Dokument bricht so genau gleich um, nur ohne die teure Helvetica-Lizenz. Auf den ersten Blick sehen beide fast gleich aus, die Unterschiede stecken im Detail. Die Helvetica endet ihre Rundungen waagerecht: Das C ist dadurch fast geschlossen und wirkt ruhig und kompakt. Bei der Arial sind die Enden schräg angeschnitten, das C öffnet sich weiter und wirkt etwas unruhiger. Das kleine a der Helvetica hat unten rechts ein kleines Schwänzchen, bei der Arial fällt der Abstrich einfach gerade ab. Auch das kleine t verrät sie: Bei der Arial ist es oben schräg abgeschnitten, bei der Helvetica gerade. Am deutlichsten wird es beim großen R: Die Helvetica stellt ihr Bein fast senkrecht und leicht geschwungen auf, die Arial streckt es als gerade Diagonale nach außen. Microsoft hat die Arial später lizenziert und 1992 mit Windows 3.1 auf Millionen Rechner gebracht – als günstigen Ersatz für die Helvetica
Schriften nutzen wir, um dem eigenen Text eine weitere Aussageebene zu geben. Der Charakter einer Schrift ist ausschlaggebend dafür, wie wir einen Text wahrnehmen und lesen. In den ersten Sekunden ordnen wir die Art der Buchstaben einer seriösen oder albernen Aussage zu. Wer dann nach „free fonts“ googelt, landet schnell in einem Dschungel aus Schnörkeln, Kopien und Download-Buttons, die mehr Werbung als Schrift sind. Kein Wunder, dass Freefonts in der Designszene einen eher schlechten Ruf haben. Aber so einfach ist es nicht. Kostenlos heißt nicht automatisch schlecht. Es gibt nämlich ganz unterschiedliche Gründe, warum jemand eine Schrift „verschenkt“. Ein freier Schnitt kann Werbung für eine ganze große Familie sein: Den Regular-Schnitt gibt's gratis, für die anderen Schnitte zahlt man. Das ist okay und manchmal auch praktisch, weil man dann schon mit einem Trial-Font losgestalten kann. Andere verschenken eine Schrift, um sich einen Namen zu machen, denn eine gute freie Schrift ist eine ziemlich starke Visitenkarte.
Die schönsten Geschichten haben aber die Herzensprojekte. Friedrich Althausen hat die Vollkorn als seine erste Schrift während des Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar gezeichnet und frei veröffentlicht. Jan Gerner (Yanone) hat 2004 seine Kaffeesatz verschenkt, weil ihm nach eigener Aussage schlicht das Selbstvertrauen fehlte, sie zu verkaufen. Später hat er sie überarbeitet, Kontakte geknüpft, und dann hat sie es als FF Kava in die FontFont-Bibliothek geschafft. Aus einem freien Projekt kann also eine richtig gute Schrift werden.
IBM hat seine Hausschrift Plex offensichtlich ganz bewusst als Open-Source-Schrift freigegeben, Mozilla hat die Fira Sans für Firefox OS in Auftrag gegeben. Der Gedanke kommt aus der Softwarewelt: Teilen, damit es allen besser geht, in diesem Fall der Typografie. In der Schriftenszene heißt Open Source meist: Die Schrift steht unter der SIL Open Font License (OFL). Man darf sie kostenlos nutzen, auch kommerziell, weitergeben und sogar verändern. Nur einzeln verkaufen darf man sie nicht, und eine veränderte Version braucht oft einen neuen Namen.
Trotzdem lohnt sich der Blick ins Kleingedruckte. „Free“ heißt manchmal nur „für private Zwecke“. Manchmal ist es eine Demo mit ein paar Dutzend Zeichen, ohne Umlaute und ohne Ziffern. Und manchmal steht eine Schrift nur ein paar Wochen zum Download. Wer eine Schrift nutzt, sollte wissen, woher sie kommt und was die Lizenz erlaubt.
Wer professionell gestaltet, kauft seine Schriften. Schrift ist Software, und gute Software kostet Arbeit, oft jahrelange. Eine gut ausgebaute Familie mit vielen Schnitten und sauberen OpenType-Features ist ihr Geld wert. Es gibt aber auch gute Gründe, bewusst zu freien Schriften oder Systemschriften zu greifen. IKEA hat 2009 im Katalog von Futura auf Verdana gewechselt. Das Netz nannte es „Verdanagate“, die Designszene war entsetzt. IKEA ging es aber darum, Print und Web zu vereinen und über 25 Sprachen sauber darzustellen. 2019 kam dann der nächste Wechsel, zu einer eigenen Noto Sans. Das ist eine Open-Source-Schrift.
Wo findet man also die guten Freefonts? Mein Favorit ist Fontshare von der Indian Type Foundry. Seit 2020 gibt's dort rund 100 Familien, die meisten im eigenen Haus von Profis gestaltet, mit vielen Schnitten. Alle sind kostenlos, auch für kommerzielle Projekte. Font Squirrel sortiert seit Jahren nur Schriften ein, deren Lizenz geprüft ist. Und Google Fonts ist damit groß geworden, Schriften für Webseiten zugänglich zu machen.
(Standard)
(Standard)
Ligatur st
einst ſ + z
Ich will keine weitere Liste im Internet schreiben, die einfach immer länger und bunter wird. Ich will Perlen zeigen. Jede Schrift in meiner Fontlist bekommt ein kurzes Portrait, das zeigt, was ihre Formen ausmacht und welche OpenType-Features in ihr stecken. Gerade diese Besonderheiten machen für mich den Unterschied – Ligaturen sind ein gutes Beispiel: Sie verschmelzen zwei oder mehr Buchstaben zu einem Zeichen. Standardligaturen wie fi und fl schaltet die Schrift automatisch ein, damit sich f und i nicht ins Gehege kommen. Bedingte Ligaturen wie st oder ct sind Zierde: Man schaltet sie bewusst ein, etwa für Überschriften. Tippen muss man sie nicht, das erledigt die Schrift.
Jede Schrift steht in der Fontlist im gleichen Aufbau und in echter Schrift da. So kann man sie fair vergleichen und sieht, dass sie funktioniert. Ich möchte den Blick dafür schärfen, was eine gute Schrift ausmacht: Lesbarkeit, Ausbau und Charakter. Wer die feinen Unterschiede einmal sieht, versteht vielleicht auch meine Faszination für Typografie.
Stöbert gern in meiner kuratierten Sammlung unter fontlist.dersven.de. :)