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Freefonts

Gestaltungsaffine, aber auch alle außerhalb dieser Bubble möchte ich dafür sensibilisieren, öfter mal zu freien Schriften aus dem Internet zu greifen, statt nur zu dem, was im Schriftmenü schon drinsteht. Gemeint sind sogenannte Freefonts, die relativ einfach auf dem Computer zu installieren sind und die es wert sind, Times New Roman, Comic Sans, Papyrus, Arial und Co. zu ersetzen. Diese Systemschriften liegen auf allen Rechnern griffbereit, sie kommen mit jeder Software, die wir installieren. Sie sind gar nicht individuell, und oft sind sie nur der Ersatz großer Vorbilder.

Bestes Beispiel ist die Arial. Monotype hat sie 1982 ursprünglich für IBM-Laserdrucker so gezeichnet, dass jeder Buchstabe exakt so breit ist wie in der Helvetica. Ein Dokument bricht so genau gleich um, nur ohne die teure Helvetica-Lizenz. Auf den ersten Blick sehen beide fast gleich aus, die Unterschiede stecken im Detail. Die Helvetica endet ihre Rundungen waagerecht: Das C ist dadurch fast geschlossen und wirkt ruhig und kompakt. Bei der Arial sind die Enden schräg angeschnitten, das C öffnet sich weiter und wirkt etwas unruhiger. Das kleine a der Helvetica hat unten rechts ein kleines Schwänzchen, bei der Arial fällt der Abstrich einfach gerade ab. Auch das kleine t verrät sie: Bei der Arial ist es oben schräg abgeschnitten, bei der Helvetica gerade. Am deutlichsten wird es beim großen R: Die Helvetica stellt ihr Bein fast senkrecht und leicht geschwungen auf, die Arial streckt es als gerade Diagonale nach außen. Microsoft hat die Arial später lizenziert und 1992 mit Windows 3.1 auf Millionen Rechner gebracht – als günstigen Ersatz für die Helvetica

Schriften nutzen wir, um dem eigenen Text eine weitere Aussageebene zu geben. Der Charakter einer Schrift ist ausschlaggebend dafür, wie wir einen Text wahrnehmen und lesen. In den ersten Sekunden ordnen wir die Art der Buchstaben einer seriösen oder albernen Aussage zu. Wer dann nach „free fonts“ googelt, landet schnell in einem Dschungel aus Schnörkeln, Kopien und Download-Buttons, die mehr Werbung als Schrift sind. Kein Wunder, dass Freefonts in der Designszene einen eher schlechten Ruf haben.

Aber so einfach ist es nicht. Kostenlos heißt nicht automatisch schlecht. Es gibt nämlich ganz unterschiedliche Gründe, warum jemand eine Schrift „verschenkt“. Ein freier Schnitt kann Werbung für eine ganze große Familie sein: Den Regular-Schnitt gibt's gratis, für die anderen Schnitte zahlt man. Das ist okay und manchmal auch praktisch, weil man dann schon mit einem Trial-Font losgestalten kann. Andere verschenken eine Schrift, um sich einen Namen zu machen, denn eine gute freie Schrift ist eine ziemlich starke Visitenkarte.

Die schönsten Geschichten haben aber die Herzensprojekte. Friedrich Althausen hat die Vollkorn als seine erste Schrift während des Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar gezeichnet und frei veröffentlicht. Jan Gerner (Yanone) hat 2004 seine Kaffeesatz verschenkt, weil ihm nach eigener Aussage schlicht das Selbstvertrauen fehlte, sie zu verkaufen. Später hat er sie überarbeitet, Kontakte geknüpft, und dann hat sie es als FF Kava in die FontFont-Bibliothek geschafft. Aus einem freien Projekt kann also eine richtig gute Schrift werden.

IBM hat seine Hausschrift Plex offensichtlich ganz bewusst als Open-Source-Schrift freigegeben, Mozilla hat die Fira Sans für Firefox OS in Auftrag gegeben. Der Gedanke kommt aus der Softwarewelt: Teilen, damit es allen besser geht, in diesem Fall der Typografie. In der Schriftenszene heißt Open Source meist: Die Schrift steht unter der SIL Open Font License (OFL). Man darf sie kostenlos nutzen, auch kommerziell, weitergeben und sogar verändern. Nur einzeln verkaufen darf man sie nicht, und eine veränderte Version braucht oft einen neuen Namen.

Trotzdem lohnt sich der Blick ins Kleingedruckte. „Free“ heißt manchmal nur „für private Zwecke“. Manchmal ist es eine Demo mit ein paar Dutzend Zeichen, ohne Umlaute und ohne Ziffern. Und manchmal steht eine Schrift nur ein paar Wochen zum Download. Wer eine Schrift nutzt, sollte wissen, woher sie kommt und was die Lizenz erlaubt.

Wer professionell gestaltet, kauft seine Schriften. Schrift ist Software, und gute Software kostet Arbeit, oft jahrelange. Eine gut ausgebaute Familie mit vielen Schnitten und sauberen OpenType-Features ist ihr Geld wert. Es gibt aber auch gute Gründe, bewusst zu freien Schriften oder Systemschriften zu greifen. IKEA hat 2009 im Katalog von Futura auf Verdana gewechselt. Das Netz nannte es „Verdanagate“, die Designszene war entsetzt. IKEA ging es aber darum, Print und Web zu vereinen und über 25 Sprachen sauber darzustellen. 2019 kam dann der nächste Wechsel, zu einer eigenen Noto Sans. Das ist eine Open-Source-Schrift.

ag
Barlow

Wo findet man also die guten Freefonts? Mein Favorit ist Fontshare von der Indian Type Foundry. Seit 2020 gibt's dort rund 100 Familien, die meisten im eigenen Haus von Profis gestaltet, mit vielen Schnitten. Alle sind kostenlos, auch für kommerzielle Projekte. Font Squirrel sortiert seit Jahren nur Schriften ein, deren Lizenz geprüft ist. Und Google Fonts ist damit groß geworden, Schriften für Webseiten zugänglich zu machen.

fi
Ligatur fi
(Standard)
U+FB01
fl
Ligatur fl
(Standard)
U+FB02
st
Bedingte
Ligatur st
U+FB06
ß
Eszett –
einst ſ + z
U+00DF

Ich will keine weitere Liste im Internet schreiben, die einfach immer länger und bunter wird. Ich will Perlen zeigen. Jede Schrift in meiner Fontlist bekommt ein kurzes Portrait, das zeigt, was ihre Formen ausmacht und welche OpenType-Features in ihr stecken. Gerade diese Besonderheiten machen für mich den Unterschied – Ligaturen sind ein gutes Beispiel: Sie verschmelzen zwei oder mehr Buchstaben zu einem Zeichen. Standardligaturen wie fi und fl schaltet die Schrift automatisch ein, damit sich f und i nicht ins Gehege kommen. Bedingte Ligaturen wie st oder ct sind Zierde: Man schaltet sie bewusst ein, etwa für Überschriften. Tippen muss man sie nicht, das erledigt die Schrift.

Jede Schrift steht in der Fontlist im gleichen Aufbau und in echter Schrift da. So kann man sie fair vergleichen und sieht, dass sie funktioniert. Ich möchte den Blick dafür schärfen, was eine gute Schrift ausmacht: Lesbarkeit, Ausbau und Charakter. Wer die feinen Unterschiede einmal sieht, versteht vielleicht auch meine Faszination für Typografie.

Stöbert gern in meiner kuratierten Sammlung unter fontlist.dersven.de. :)

Ich habe einen Ordner eines Projektes mit Jahreszahl einfach mit der Maus und gedrückter Alt-Taste kopiert, und dabei hat mir MacOS geholfen und die Jahreszahl automatisch erhöht.

#fontstandcon2026, berlin

Ein kleiner Versuch den ganzen Konferenztag mit inspirierenden Vorträgen festzuhalten.

David Pearson zeigte seinen typografischen Gestaltungsansatz anhand der Penguin Books Serie. Er interpretiert Schrift als Bild, indem er individuelle Buchcover illustrativ umsetzt. Letterpress-Techniken und zwei Farben Konzepte wie dass Cover für George Orwells 1984, in dem er Titel und Autor mit Heißfolie kaschierte und nur unter speziellem Winkel lesbar macht. Haptisch-technisch kodierte Zensur-Thematik. Reduzierte Info-Dichte schafft kulturelle Tiefe und super schön eingesetzte Typografie.

Martin Wenzel rekonstruierte die Transformation von der lizensierten Univers zu einer maßgeschneiderten Hausschriftfamilie der Bundesregierung: BundesSans/-Serif.
In einem jahrelangen Entwicklungsprozess zeigte u.a. die Erweiterung auf  938 Glyphen bis zur DIN‑91379-Anpassung. Für die Multilingualität und Skalierbarkeit in unterschiedlichen Schriftgrößen bei gleichzeitig optimierter, kompakter Font‑Dateigröße und reduziertem Papier‑ beziehungsweise Ressourcenverbrauch. Inklusive Linkzu Marco Rubio Entschluss die ursprünglich mit Barrierefreiheits‑ und Zugänglichkeitsargumenten eingeführte Calibri wieder abzuschaffen und stattdessen die traditionelle Times einzuführen.

Ferdinand Ulrich beleuchtete die Typografie von frühen Bitmap‑Fonts bis hin zu parametrischen Systemen wie Metafont. Er zeigte, wie sich Schriften nicht mehr nur als feste Pfade, sondern durch generative Regeln beschreiben lassen, mit denen sich Strichstärke, Neigung oder Serifengröße als Variablen fassen und dynamisch erzeugen lassen. In seiner Dissertation berichtete er, wie er Donald Knuth an der Stanford‑Universität persönlich traf. Der Informatik‑Pionier erklärte ihm in einem begeisterten Interview, wie Literate Programming Designer‑Intentionen als Code‑Dokumentation speichert. Aus mehreren Kernparametern entsteht so eine Art automatisches Computer Modern, die TeX‑Familie. Eine Metafont‑Beschreibung kann eine Vielzahl statischer Varianten generieren, statt jede als eigenständige Datei zu speichern. Von Knuths Geniestreich als programmierbare Typo‑Kunst berichtete er in einer lebendigen, fast enthusiastischen „Typonerdiologie“.

Marko Hrastovec legte die künstlerische Basis von EXAT 51 frei; einer kroatischen avantgarden Künstlergruppe aus den 1950er, die u.a. mit Vasilyev Richter und Ivan Picelj gegen den sozialistischen Realismus modernen Dogmen neue Freiheit gab. Daraus destilliert er die Exat-Schriftfamilie: Nachgezeichnete Kunstformen werden zu einem 21-styligen System. Vom analogen Erbe zur digitalen Revival-Maschine bis hin zum „Circle Moment“: Einer Typeface-Ausstellung in den originalen EXAT-Räumen. Neutralitätsmythos dekonstruiert und kulturell aufgeladen.

Marta Cerdà Alimbau zeigte mit illustrativen Lettering-Hybriden wie sie Grenzen zwischen Fonts und Illustration auflöst. Aus den geometrisch-floralen Mustern der ikonischen Panot-Fliesen Barcelonas etabliert sie eine konstruktive Matrix, aus der sie systematisch Buchstaben extrahiert und die als Lampen in die Straßeinstallation hängt. Das Raster dient als Basis um die Buchstaben und Symbole zu formen. Interessant; Ihr Aspekt, das gewöhnliche Arte von Beleuchtung tagsüber nur wie ein Stromleitung-Gewirr aussieht, entgegnet sie mit Lampenskulturen die dem Fliesenmuster entspringt.

Ariane Spanier zeigte die experimentelle Art, Typografie als interaktives Medium für das Coverdesign des monothematischen Zeichnenzines FUKT-Magazin zu nutzen. Wie zum Beispiel Mäuse Tinte verschmieren oder gestanzte Formen den Leserinnen erlauben der Nature Ausgabe durch Umfalten individuelle Varianten zu gestalten. Dazu entstehen maßgeschneiderte Headlinefonts beispielsweise aus gesammelten und fotografierten Stöckern aus dem Wald.

la Repubblica, Fontstand

Francesco Franchis erzählte in seiner Keynote auf der Fontstand Conference über das Design der la Repubblica. Der italienischen Zeitung. Viele Folien von Einzelseiten-Layouts prägen ein visuelles System des Redesigns das Interessanterweise mit der Leitung vier mal in den letzten Jahren wechselte.

Die Schriftfamilie geht von Serif bis Sans und trägt den Gründer der Zeitung „Eugenio“, Eugenio Scalfari. Typografie wird mit Haltung und als Kernprinzip eingesetzt. Das Grid-System mit vertikalen Zonen, Pull-Quotes und templatierten Werbeformaten sorgt für Einheitlichkeit. Selbst bei den Supplements Robinson, D oder Rfood und anderen bleibt alles im System, jede mit eigener Nuance. Und mit einem freien Mix aus Schnitten und Fonts der ganzen Schriftfamilie.

Trotz templatisierter Layouts, bleibt der Fokus auf der individuellen Gestaltung jeder Seite. Das sechs­spaltige Grundraster, ursprünglich von Architekten unter den ersten Gestaltern von La Repubblica entwickelt, bildet dabei die konstruktive Basis. Wie in einem architektonischen Grundriss strukturieren die Spalten den Raum, schaffen visuelle Balance und ermöglichen präzise Gewichtung zwischen Nachrichten, Analysen und Kommentaren. Der Flatplan entscheidet über die Platzierung – ob News oder Analysis –, doch die formale Logik des Rasters sorgt für die klare Hierarchie, die das zentrales Prinzip des Editorial Designs ist.

Infografiken entstehen im Print als Premium Training Ground mit maximaler Freiheit. Handmade, vektorbasiert, immer in der „Eugenio“-Typo und modularen Bausteinen. Die Übersetzung ins Atex-CMS individuell umgesetzt. Redaktionsmeetings entwickeln den Kontext des Grafikdesign. Und der visuelle Gap wird zugelassen. So werden Seiten priorisiert und das System aufgebrochen.

digitales Rauschen

Hej Bleiwüste.

Also gut, ich schreibe jetzt ins Internet. Mit Ideen, mit Absicht und in ganzen Sätzen, und das, obwohl ich kein großer Formulierer bin und Bloggen für mich eher Herausforderung als Können ist. Schreiben zu wollen wie Sven Regener oder Stuckrad-Barre wäre ohnehin etwas überheblich. Nun denn. Das Internet als kleine Spielwiese fasziniert mich schon lange. Meine Experimente rechtfertige ich mir damit, dass sich Typografie und Grafikdesign hier so aufbereiten lassen, dass es sich vielleicht sogar jemand anschaut.

Das hier ist also die nächste Iteration, Jahrgang 2026, diesmal mit dem CMS Kirby. Mit LLMs und dem Agenten Claude Code traue ich mich inzwischen auch an etwas komplexere Ideen. Angestiftet hat mich ein bisschen Felix Schwenzel mit wirres.net. Er sammelt dort Fotos, Links und Gedanken aus dem Internet, ebenfalls mit Kirby und vielen eigenen Umbauten, und gewissermaßen viel erfolgreicher, aber irgendwie muss man ja anfangen. Also habe ich meine Kirby-Installation angefasst und mir, ganz im Sinne der digitalen Unabhängigkeit, mein eigenes kleines Instagram gebaut. Fotos landen jetzt direkt hier im Feed und gehen von hier aus weiter zu Mastodon und Bluesky. Dieses Teilen von der eigenen Seite aus heißt übrigens POSSE (Publish on your Own Site, Syndicate Elsewhere). Micropub ist das Protokoll, mit dem man auf der eigenen Seite veröffentlicht. Und weil ich schon immer Websites gesammelt habe, die ich teilenswert finde, versuche ich jetzt, sie mit Tags zu kuratieren, damit auch andere sie finden. Eine kleine Fundgrube also, so wie diese Website das eigentlich immer war. Wer mag, kann das in der Wayback Machine nachverfolgen, hier 2001, hier 2006 und hier 2016. :) Eigentlich ganz schön, dass man sehen kann, wie dersven mit der kleinen Internetwelt gewachsen ist.

Und dann gibt es noch die vielen typografischen Begriffe und Fundstücke aus dem Grafikdesign und drumherum, die mich nicht loslassen, der Binärcode zum Beispiel oder die Geschichte vom Dogcow. Die sollen hier jetzt ihren Platz finden, als Notiz, Bookmark, Photowall oder Artikelversuch, alles in einem Feed, oder Timeline, wie ich sie genannt habe. So ein Sammelsurium hat viele Facetten, und weil mich Statistik nun mal interessiert, bekommt jeder Post einen Beipackzettel: Zeichenanzahl, Reichweite, Verteilung über die Jahre und das Alter der Posts. Auch das habe ich mir bei wirres.net abgeguckt.

Mal schauen, wie lange es hält. :)

WorldWideWeb

Vom ARPANET über Modemkreischen, Mailboxen und Tabellenlayouts bis zum Fuchs, der eigentlich ein Panda sein sollte: eine kurze Geschichte des Internets und meine ersten Schritte darin.

Das Internet begann als Experiment unter Professoren, die probierten, ihre Rechner irgendwie miteinander zu verbinden. 1969 startete das Computer-Pionierprojekt des US-Verteidigungsministeriums (ARPANET). Das erste echte Netzwerk über Häuserwände hinaus. An der University of California in Los Angeles loggte man sich am 29. Oktober in einen Rechner am Stanford Research Institute ein, rund 500 Kilometer entfernt. Die erste Fernverbindung, über eine gemietete Telefonleitung. Bezahlt hat das US-Militär, aber die Köpfe dahinter waren Forscher*innen mit Fernschreibern und wildem Enthusiasmus.

1971 verschickte Ray Tomlinson die erste E-Mail. Um den Namen vom Rechner zu trennen, wählte er das @-Zeichen. 1983 kam dann der große Schritt. Über das TCP/IP-Protokoll tauschten Universitäten Forschungsdaten aus: wissenschaftliche Papers, Rechenprogramme, große Dateien, die kein Postbote mehr schleppen konnte. TCP, das Transmission Control Protocol, zerlegt alles in Pakete und sorgt dafür, dass am Ende alles vollständig ankommt. Geht unterwegs ein Paket verloren, wird es neu geschickt. Das Internet Protocol (IP) gibt jedem Paket eine Adresse und leitet es ans Ziel. Alles, was vorher verwendet wurde, fiel dem neuen Standard zum Opfer. Damit hatte man Kompatibilität geschaffen. Das war der Moment, in dem Universitäten und Firmen länderübergreifend zusammenwuchsen.

Dann kam Tim Berners-Lee um die Ecke. In Genf, am CERN, baute er 1989/90 das World Wide Web. Es soll auf einem dieser kubusförmigen NeXT-Computer gewesen sein. Die Firma NeXT hatte Steve Jobs 1985 gegründet, nachdem er bei Apple den Machtkampf mit John Sculley verloren hatte, nur ein Jahr nachdem sich der Macintosh mit „Hello, I’m Macintosh“ vorgestellt hatte. Hartmut Esslinger designte das markante Gehäuse, ein fast perfekter Kubus mit einem Fuß, also rund 30,5 cm Kantenlänge, Jobs’ Blick fürs Detail. Der grafische Durchbruch für die Massen kam 1993 mit Mosaic.

1997 wurde die schon lange entwickelte Technologie WLAN zum Standard. Zuvor verband man sich mit dem Modem oder im Haus per LAN‑Kabel. Koaxialkabel verbanden mich früher auch mit Modems und den Computern von Freunden und Brüdern.

Mit einem 386er erkundete ich die weltweite Welt. Bei LAN-Partys zockten wir, sobald der Endwiderstand am langen Kabelende von Rechner zu Rechner angedreht war. Unser Modem wählte sich in sogenannte Mailboxen ein. Textbasierte ASCII-Oberflächen, in denen man Newsforen abonnieren konnte. Man lud sich sozusagen einen aktuellen Stand auf den eigenen Feedreader herunter. Ein Netzwerk machte die Runde: das MausNet. Meine erste E-Mail-Adresse erlaubte mir, erste Nachrichten wie Briefe über das Internet zu schicken. Traceroute verriet uns, dass Daten nicht immer den direkten Weg nahmen.

Ein großes Highlight – und mir bis heute im Kopf – war ein Fußballmanager, dessen Namen ich leider nicht mehr auf dem Schirm habe. Ich glaube, es waren Ameisen, die man in einer Mindestanzahl als Spieler aufstellen musste. Diese Konfiguration für den anstehenden Spieltag lud man dann in die Mailbox. Die verbundenen Spieler einer Liga zogen sich diese Daten herunter, und in ihrem eigenen Client wurden dann offline die Partien ausgespielt. Transfermarkt, Erfahrungen und Scoredaten flossen in ein recht komplexes System ein.

Meine ersten Webseiten entstanden auf meinem ersten Rechner von Vobis oder Escom. Webseiten bestanden vor 1994 fast nur aus Text und grauen Hintergründen. Mit dem Netscape Navigator und SELFHTML begann ich, aus Tabellen grafisch gestaltete Websites zu bauen. Dazu kamen große Bildcomposings in Slices geschnitten und mit <table>, <tr>, <td> und Image Maps zu Navigationsstrukturen kombiniert. Mit PageMill gab es auch erste Software, die es ermöglichte (WYSIWYG: What you see is what you get), fast wie mit Layoutsoftware Websites zu erstellen.

Für mich war vor allem der Netscape Navigator das Fenster ins Netz. Bis Microsofts Internet Explorer Netscape im ersten „Browserkrieg“ an die Wand drückte und er sozusagen zum Standard wurde. Aus den Trümmern von Netscape entstand dann das Mozilla‑Projekt, das einen schlankeren, schnelleren Browser bauen wollte. Den Phoenix, Symbol für den Neuanfang aus der Asche. Firebird folgte 2003 wegen Klagen der BIOS-Firma Phoenix Technologies. Danach gab es erneut namensrechtliche Proteste vom Open-Source-Datenbankprojekt Firebird. Erst 2004 wurde daraus der Name Firefox. Seit den Anfängen hält sich die Erzählung, dass der Name seinen Ursprung im Kosenamen für den Roten Panda hat, chinesisch 火狐, huǒhú, wörtlich „Feuerfuchs“. Es also erstmal kein Fuchs ist. Gestützt durch die Namensherkunft und die runden Ohren. Offiziell ist es aber nun als „Burning Fox“ auch im Logo angeglichen worden.

Heute ist WLAN überall. Social Media ist eine Doomscroll-Falle, und ganze Generationen kennen kein Modemkreischen mehr. Meine ersten Schritte im Web waren ein Abenteuer. Nostalgie ist kein Rückschritt, sondern Erinnerung ans Basteln. :)

Herr Nake und die Zeichenmaschine

1963 bekommt der Mathematikstudent Frieder Nake einen Zuse-Graphomaten und den Auftrag, ihm das Zeichnen beizubringen. Daraus wird Computerkunst.

Der Graphomat Z64 zeichnet die Kreis-Variationen

Videostill vom Graphomaten Z64

„Wissen’S was, wir kaufen a Zeichenmaschin. Aber wir kriegen ka Software. Machen Sie uns eine?“ Frieder Nake, Student der Mathematik, viertes Semester, sagt ja. Was soll er auch sonst sagen, man sagt zu so etwas erst mal ja und überlegt hinterher, wie das gehen soll. Einen wundervollen Zufall seines Lebens nennt Nake das im Rückblick.

Die Zeichenmaschin war ein Graphomat Z64 von Konrad Zuse, gebaut für Ingenieure und technische Zeichnungen. Neu war damals: Bei den üblichen Trommelplottern rollte das Papier hin und her, beim Graphomaten lag es flach auf dem Tisch, und der Stift fuhr selbst darüber, gesteuert per Lochstreifen. Genau und wiederholbar, Linie für Linie, Kurve für Kurve und irgendwann eben auch Buchstabe für Buchstabe.

Die Lochstreifen programmierte Nake blind und fuhr damit zu Zuse nach Bad Hersfeld, in der Hoffnung, dass sie fehlerfrei laufen. Klingt nach Maschinenraum. War es auch.

Frieder Nake, Kreis-Variationen, 4. Mai 1965, Plotterzeichnung

Kreis-Variationen, Nr. 3 vom 4. 5. 1965, 25 × 25 cm. Abbildung aus der Programm-Information PI-21 des Deutschen Rechenzentrums, 1966

Die Kreis-Variationen vom 4. Mai 1965 zeigen Zufallspunkte auf 20 Strahlen vom Mittelpunkt, verteilt auf neun innere und fünf äußere Kreisringe, im zehnten Ring ein echter Kreis. Das Programm verbindet die Punkte, indem es jeweils zwischen drei Punkten interpoliert, und weil die Punkte zufällig liegen, werden die Linien unruhig, fast organisch, als hätten sie sich selbstständig gemacht. Daher kommt auch dieser eine Ausschlag, der wie eine Nadel aus dem Bild sticht. „Die bei den inneren Kurven auftretenden Zacken sind durch das Interpolationsverfahren verursacht.“

Frieder Nake, Hommage à Paul Klee, 1965, Plotterzeichnung

Hommage à Paul Klee, 1965

Das bekannteste Blatt aus der Zeit ist die Hommage à Paul Klee vom 13. September 1965. Vorlage war Klees Gemälde Hauptweg und Nebenwege von 1929, entstanden in seiner Zeit als Lehrer am Bauhaus in Dessau.

Frieder Nake hat daraus kein Abbild gemacht, sondern ein Programm. Ihn interessierten Klees Proportionen, das Verhältnis von Senkrechten und Waagerechten, und so zieht der Plotter waagerechte Bänder und füllt sie mit senkrechten Strichen. Und wo genau was landet, entscheidet der Zufall.

Zuse hat übrigens selbst gemalt, manches signiert mit Kuno See. Über Computer und Kunst hat er sich in einem Aufsatz, ganz modern in Kleinbuchstaben gesetzt, geäußert:

dabei ist es jeweils auffassungssache ob man die rechenmaschine und die mechanischen aufzeichnungen lediglich als werkzeug betrachtet um die schöpferischen gedanken des künstlers zu verwirklichen ob man bei hoch gezüchteten programmen auch der rechenmaschine selbst eine gewisse schöpferische arbeit zugesteht oder ob man es überhaupt ablehnt derartige gebilde mit kunst zu bezeichnen

Konrad Zuse
Frieder Nake, Walk-through-Raster, 1966, Plotterzeichnung

Walk-through-Raster, Plotterzeichnung, 26 × 26 cm, 1966

Nakes Leitsatz lautet: „Think the image, don’t make it.“ Das Machen übernimmt die Maschine, das Denken nicht.