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#fontstandcon2026, berlin

Ein kleiner Versuch den ganzen Konferenztag mit inspirierenden Vorträgen festzuhalten.

David Pearson zeigte seinen typografischen Gestaltungsansatz anhand der Penguin Books Serie. Er interpretiert Schrift als Bild, indem er individuelle Buchcover illustrativ umsetzt. Letterpress-Techniken und zwei Farben Konzepte wie dass Cover für George Orwells 1984, in dem er Titel und Autor mit Heißfolie kaschierte und nur unter speziellem Winkel lesbar macht. Haptisch-technisch kodierte Zensur-Thematik. Reduzierte Info-Dichte schafft kulturelle Tiefe und super schön eingesetzte Typografie.

Martin Wenzel rekonstruierte die Transformation von der lizensierten Univers zu einer maßgeschneiderten Hausschriftfamilie der Bundesregierung: BundesSans/-Serif.
In einem jahrelangen Entwicklungsprozess zeigte u.a. die Erweiterung auf  938 Glyphen bis zur DIN‑91379-Anpassung. Für die Multilingualität und Skalierbarkeit in unterschiedlichen Schriftgrößen bei gleichzeitig optimierter, kompakter Font‑Dateigröße und reduziertem Papier‑ beziehungsweise Ressourcenverbrauch. Inklusive Linkzu Marco Rubio Entschluss die ursprünglich mit Barrierefreiheits‑ und Zugänglichkeitsargumenten eingeführte Calibri wieder abzuschaffen und stattdessen die traditionelle Times einzuführen.

Ferdinand Ulrich beleuchtete die Typografie von frühen Bitmap‑Fonts bis hin zu parametrischen Systemen wie Metafont. Er zeigte, wie sich Schriften nicht mehr nur als feste Pfade, sondern durch generative Regeln beschreiben lassen, mit denen sich Strichstärke, Neigung oder Serifengröße als Variablen fassen und dynamisch erzeugen lassen. In seiner Dissertation berichtete er, wie er Donald Knuth an der Stanford‑Universität persönlich traf. Der Informatik‑Pionier erklärte ihm in einem begeisterten Interview, wie Literate Programming Designer‑Intentionen als Code‑Dokumentation speichert. Aus mehreren Kernparametern entsteht so eine Art automatisches Computer Modern, die TeX‑Familie. Eine Metafont‑Beschreibung kann eine Vielzahl statischer Varianten generieren, statt jede als eigenständige Datei zu speichern. Von Knuths Geniestreich als programmierbare Typo‑Kunst berichtete er in einer lebendigen, fast enthusiastischen „Typonerdiologie“.

Marko Hrastovec legte die künstlerische Basis von EXAT 51 frei; einer kroatischen avantgarden Künstlergruppe aus den 1950er, die u.a. mit Vasilyev Richter und Ivan Picelj gegen den sozialistischen Realismus modernen Dogmen neue Freiheit gab. Daraus destilliert er die Exat-Schriftfamilie: Nachgezeichnete Kunstformen werden zu einem 21-styligen System. Vom analogen Erbe zur digitalen Revival-Maschine bis hin zum „Circle Moment“: Einer Typeface-Ausstellung in den originalen EXAT-Räumen. Neutralitätsmythos dekonstruiert und kulturell aufgeladen.

Marta Cerdà Alimbau zeigte mit illustrativen Lettering-Hybriden wie sie Grenzen zwischen Fonts und Illustration auflöst. Aus den geometrisch-floralen Mustern der ikonischen Panot-Fliesen Barcelonas etabliert sie eine konstruktive Matrix, aus der sie systematisch Buchstaben extrahiert und die als Lampen in die Straßeinstallation hängt. Das Raster dient als Basis um die Buchstaben und Symbole zu formen. Interessant; Ihr Aspekt, das gewöhnliche Arte von Beleuchtung tagsüber nur wie ein Stromleitung-Gewirr aussieht, entgegnet sie mit Lampenskulturen die dem Fliesenmuster entspringt.

Ariane Spanier zeigte die experimentelle Art, Typografie als interaktives Medium für das Coverdesign des monothematischen Zeichnenzines FUKT-Magazin zu nutzen. Wie zum Beispiel Mäuse Tinte verschmieren oder gestanzte Formen den Leserinnen erlauben der Nature Ausgabe durch Umfalten individuelle Varianten zu gestalten. Dazu entstehen maßgeschneiderte Headlinefonts beispielsweise aus gesammelten und fotografierten Stöckern aus dem Wald.

la Repubblica, Fontstand

Francesco Franchis erzählte in seiner Keynote auf der Fontstand Conference über das Design der la Repubblica. Der italienischen Zeitung. Viele Folien von Einzelseiten-Layouts prägen ein visuelles System des Redesigns das Interessanterweise mit der Leitung vier mal in den letzten Jahren wechselte.

Die Schriftfamilie geht von Serif bis Sans und trägt den Gründer der Zeitung „Eugenio“, Eugenio Scalfari. Typografie wird mit Haltung und als Kernprinzip eingesetzt. Das Grid-System mit vertikalen Zonen, Pull-Quotes und templatierten Werbeformaten sorgt für Einheitlichkeit. Selbst bei den Supplements Robinson, D oder Rfood und anderen bleibt alles im System, jede mit eigener Nuance. Und mit einem freien Mix aus Schnitten und Fonts der ganzen Schriftfamilie.

Trotz templatisierter Layouts, bleibt der Fokus auf der individuellen Gestaltung jeder Seite. Das sechs­spaltige Grundraster, ursprünglich von Architekten unter den ersten Gestaltern von La Repubblica entwickelt, bildet dabei die konstruktive Basis. Wie in einem architektonischen Grundriss strukturieren die Spalten den Raum, schaffen visuelle Balance und ermöglichen präzise Gewichtung zwischen Nachrichten, Analysen und Kommentaren. Der Flatplan entscheidet über die Platzierung – ob News oder Analysis –, doch die formale Logik des Rasters sorgt für die klare Hierarchie, die das zentrales Prinzip des Editorial Designs ist.

Infografiken entstehen im Print als Premium Training Ground mit maximaler Freiheit. Handmade, vektorbasiert, immer in der „Eugenio“-Typo und modularen Bausteinen. Die Übersetzung ins Atex-CMS individuell umgesetzt. Redaktionsmeetings entwickeln den Kontext des Grafikdesign. Und der visuelle Gap wird zugelassen. So werden Seiten priorisiert und das System aufgebrochen.

digitales Rauschen

Hej Bleiwüste.

Mit neuen Ideen in das Internet schreiben – das habe ich jetzt wohl vor. Obwohl ich kein großer Formulierer bin und das „Bloggen“ eher eine Herausforderung als ein Können ist und es etwas überheblich ist, Texte wie Sven Regener oder Stuckrad-Barre schreiben zu wollen. Nun denn. Also entstehen jetzt doch ein paar Zeilen. Das Internet als kleine Spielwiese fasziniert mich schon lange. Und ich rechtfertige meine Experimente und mein Tun damit, dass ich mit dem Hintergedanken von Typografie und Grafikdesign so auch Wissenswertes und Tipps irgendwie so aufbereiten kann, dass es sich vielleicht auch jemand anschaut.

Nun also eine weitere Interaktion im Jahre 2026 – diesmal auf dem CMS Kirby. Und nun mit der Unterstützung von LLMs und dem Editor Cursor gibt dies neuen Schub, auch mal etwas komplexere Ideen auszuprobieren. Ein bisschen inspiriert durch wirres.net, der sich auch mit Kirby und diversen eigenen Optimierungen ein kleines Sammelbecken für Fotos, Links und Gedanken aus dem Internet hält – viel erfolgreicher gewissermaßen – habe ich begonnen, meine Kirby-Installation auch anzufassen. Also habe ich mir mit dem Hintergrund der digitalen Unabhängigkeit mein eigenes kleines Instagram gebaut. Per JavaScript kann ich jetzt direkt Fotos in diesen Feed schreiben und sie gleichzeitig per sogenanntem Micropublishing bei Mastodon und Bluesky für mehr Reichweite teilen. Zusätzlich habe ich immer schon mal versucht, die Websites, die ich im Netz finde und teilenswert finde, zu sammeln. Dies ist nun auch der optimistische Versuch, diese per Tags zu kuratieren und vielleicht für manch andere findbar zu machen. Als kleine Fundgrube also, so wie meine kleine Website immer schon mal fungiert hat. Die Versionen kann man per Wayback Machine hier und hier und hier als kleine Retrospektive entdecken. :) Eigentlich ganz schön, dass man verfolgen kann, wie dersven die kleine Internetwelt verfolgt und mit ihr gewachsen ist.

Und dann sind da noch zahlreiche typografische Begriffe oder Erkenntnisse des Grafikdesigns und Drumherum, die mich faszinieren: wie der Binärcode oder die Geschichte des Dogcow, die hier nun einen Platz finden sollen. Eben als Notiz, Bookmark, Photowall oder Artikelversuch innerhalb eines Feeds bzw. einer Timeline, wie ich sie genannt habe. So ein Sammelsurium hat ja auch recht viele Facetten, die mein statistisches Interesse in einem Beipackzettel je Post sammelt. Das hat wirres.net so anschaulich umgesetzt, dass ich mir da ein Beispiel genommen habe und nun Zeichenanzahl, wachsende Reichweite sowie die Verteilung über Jahre und das Alter der Posts sammle und auswerte.

Mal schauen, wie lange es hält :)

WorldWideWeb

Das Internet begann als Experiment unter Professoren, die probierten, ihre Rechner irgendwie miteinander zu verbinden. 1969 startete das Computer-Pionierprojekt des US-Verteidigungsministeriums (ARPANET). Das erste echte Netzwerk über Häuserwände hinaus. An der University of California in Los Angeles loggte man sich am 29. Oktober in einen Rechner an der Stanford-Uni ein, tausende Kilometer entfernt. Die erste, über dicke Kabel hergestellte Fernverbindung.In der Linie finanziert des US-Militär, aber die Köpfe dahinter waren Forscher*innen, Schreibmaschinen und wildem Enthusiasmus.

1971 tippte Ray Tomlinson die erste E-Mail; zum Trennen von Namen und Universität erfand er das @‑Zeichen. 1983 dann, kam dann der große Schritt: Über das TCP/IP Protokoll tauschten Universitäten damit Forschungsdaten aus: wissenschaftliche Papers, Rechenprogramme, große Dateien, die kein Postbote mehr schleppen konnte. TCP, das Transmission Control Protocol, zerlegt alles in Pakete, das Internet Protocol (IP) sorgt dafür, dass sie ans Ziel kommen, auch wenn Teile verloren gehen. Alles, was vorher verwendet wurde, fiel dem neuen Standard zum Opfer. Damit hatte man Kompatibilität geschaffen. Das war der Moment, in dem Universitäten, Firmen Länderübergreifend zusammen wuchsen.

Dann kam Tim Berners-Lee um die Ecke. In Genf konstruierte er 1989/90 am World Wide Web. Es soll auf einem dieser kubusförmigen NeXT-Computer gewesen sein, die Steve Jobs zwei Jahre zuvor, 1985 nach dem Apple-Drama (ein Machtkampf um die Richtung des Unternehmens und die Einführung des Macintosh „Hallo, I’m a Macintosh“, kickte ihn raus) gegründet hatte. Hartmut Esslinger designte das markante Gehäuse, ein perfekter Kubus mit exakt 30,48 cm Kantenlänge, Jobs’ Blick fürs Detail. Der grafische Durchbruch für die Massen kam 1993 mit Mosaic.

1997 wurde die schon lange entwickelte Technologie WLAN zum Standard. Zuvor verband man sich mit dem Modem oder im Haus per LAN‑Kabel. Koaxialkabel verbanden mich früher auch mit Modems und den Computern von Freunden und Brüdern.

Mit einem 386er erkundete ich die weltweite Welt. Bei LAN-Partys zockten wir, sobald der Endwiderstand am langen Kabelende von Rechner zu Rechner angedreht war. Unser Modem wählte sich in sogenannte Mailboxen ein. Textbasierte ASCII-Oberflächen, in denen man Newsforen abonnieren konnte. Man lud sich sozusagen einen aktuellen Stand auf den eigenen Feedreader herunter. Ein Netzwerk machte die Runde: das MausNet. Meine erste E-Mail-Adresse erlaubte mir, erste Nachrichten wie Briefe über das Internet zu schicken. Traceroute verriet uns, dass Daten nicht immer den direkten Weg nahmen.

Ein großes Highlight – und mir bis heute im Kopf – war ein Fußballmanager, dessen Namen ich leider nicht mehr auf dem Schirm habe. Ich glaube, es waren Ameisen, die man in einer Mindestanzahl als Spieler aufstellen musste. Diese Konfiguration für den anstehenden Spieltag lud man dann in die Mailbox. Die verbundenen Spieler einer Liga zogen sich diese Daten herunter, und in ihrem eigenen Client wurden dann offline die Partien ausgespielt. Transfermarkt, Erfahrungen und Scoredaten flossen in ein recht komplexes System ein.

Meine ersten Webseiten entstanden auf meinem ersten Rechner von Vobis oder Escom. Webseiten bestanden vor 1994 fast nur aus Text und grauen Hintergründen. Mit dem Netscape Navigator und SELFHTML begann ich, aus Tabellen grafisch gestaltete Websites zu bauen. Dazu kamen große Bildcomposings in Slices geschnitten und mit <table>, <tr>, <td> und Image Maps zu Navigationsstrukturen kombiniert. Mit Pagemill gab es auch erste Software, die es ermöglichte (WYSIWYG: What you see is what you get), fast wie mit Layoutsoftware Websites zu erstellen.

Ffür mich vor allem der Netscape Navigator das Fenster ins Netz. Bis Microsofts Internet Explorer Netscape im ersten „Browserkrieg“ an die Wand drückte und er sozusagen zum Standard wurde. Aus den Trümmern von Netscape entstand dann das Mozilla‑Projekt, das einen schlankeren, schnelleren Browser bauen wollte. Den Phoenix, Symbol für den Neuanfang aus der Asche. Firebird folgte 2003 wegen Klagen der BIOS-Firma Phoenix Technologies. Danach gab es erneuet namensrechtliche Proteste vom Open-Source-Datenbankprojekt Firebird. Erst in 2004 wurde es ner Name Firefox. Seit den Anfängen hält sich die Erzählung das der Namen seinen Ursprung im Kosenamen für „Roten Panda“ (chinesisch „húo hú")hat. Es also erstmal kein Fuchs ist. Gestützt durch die Namensherkunft und die runden Ohren. Offiziell ist es aber nun als „Burning fox” auch im Logo angeglichen worden.

Heute ist WLAN überall. Social Media ist eine Doomscroll-Falle, und ganze Generationen kennen kein Modemkreischen mehr. Meine ersten Schritte im Web waren ein Abenteuer. Nostalgie ist kein Rückschritt, sondern Erinnerung ans Basteln. :)