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Herr Nake und die Zeichenmaschine

1963 bekommt der Mathematikstudent Frieder Nake einen Zuse-Graphomaten und den Auftrag, ihm das Zeichnen beizubringen. Daraus wird Computerkunst.

Der Graphomat Z64 zeichnet die Kreis-Variationen

Videostill vom Graphomaten Z64

„Wissen’S was, wir kaufen a Zeichenmaschin. Aber wir kriegen ka Software. Machen Sie uns eine?“ Frieder Nake, Student der Mathematik, viertes Semester, sagt ja. Was soll er auch sonst sagen, man sagt zu so etwas erst mal ja und überlegt hinterher, wie das gehen soll. Einen wundervollen Zufall seines Lebens nennt Nake das im Rückblick.

Die Zeichenmaschin war ein Graphomat Z64 von Konrad Zuse, gebaut für Ingenieure und technische Zeichnungen. Neu war damals: Bei den üblichen Trommelplottern rollte das Papier hin und her, beim Graphomaten lag es flach auf dem Tisch, und der Stift fuhr selbst darüber, gesteuert per Lochstreifen. Genau und wiederholbar, Linie für Linie, Kurve für Kurve und irgendwann eben auch Buchstabe für Buchstabe.

Die Lochstreifen programmierte Nake blind und fuhr damit zu Zuse nach Bad Hersfeld, in der Hoffnung, dass sie fehlerfrei laufen. Klingt nach Maschinenraum. War es auch.

Frieder Nake, Kreis-Variationen, 4. Mai 1965, Plotterzeichnung

Kreis-Variationen, Nr. 3 vom 4. 5. 1965, 25 × 25 cm. Abbildung aus der Programm-Information PI-21 des Deutschen Rechenzentrums, 1966

Die Kreis-Variationen vom 4. Mai 1965 zeigen Zufallspunkte auf 20 Strahlen vom Mittelpunkt, verteilt auf neun innere und fünf äußere Kreisringe, im zehnten Ring ein echter Kreis. Das Programm verbindet die Punkte, indem es jeweils zwischen drei Punkten interpoliert, und weil die Punkte zufällig liegen, werden die Linien unruhig, fast organisch, als hätten sie sich selbstständig gemacht. Daher kommt auch dieser eine Ausschlag, der wie eine Nadel aus dem Bild sticht. „Die bei den inneren Kurven auftretenden Zacken sind durch das Interpolationsverfahren verursacht.“

Frieder Nake, Hommage à Paul Klee, 1965, Plotterzeichnung

Hommage à Paul Klee, 1965

Das bekannteste Blatt aus der Zeit ist die Hommage à Paul Klee vom 13. September 1965. Vorlage war Klees Gemälde Hauptweg und Nebenwege von 1929, entstanden in seiner Zeit als Lehrer am Bauhaus in Dessau.

Frieder Nake hat daraus kein Abbild gemacht, sondern ein Programm. Ihn interessierten Klees Proportionen, das Verhältnis von Senkrechten und Waagerechten, und so zieht der Plotter waagerechte Bänder und füllt sie mit senkrechten Strichen. Und wo genau was landet, entscheidet der Zufall.

Zuse hat übrigens selbst gemalt, manches signiert mit Kuno See. Über Computer und Kunst hat er sich in einem Aufsatz, ganz modern in Kleinbuchstaben gesetzt, geäußert:

dabei ist es jeweils auffassungssache ob man die rechenmaschine und die mechanischen aufzeichnungen lediglich als werkzeug betrachtet um die schöpferischen gedanken des künstlers zu verwirklichen ob man bei hoch gezüchteten programmen auch der rechenmaschine selbst eine gewisse schöpferische arbeit zugesteht oder ob man es überhaupt ablehnt derartige gebilde mit kunst zu bezeichnen

Konrad Zuse
Frieder Nake, Walk-through-Raster, 1966, Plotterzeichnung

Walk-through-Raster, Plotterzeichnung, 26 × 26 cm, 1966

Nakes Leitsatz lautet: „Think the image, don’t make it.“ Das Machen übernimmt die Maschine, das Denken nicht.